Künzelsau für Menschlichkeit: Rede Dieter Hummel

Veröffentlicht am 15.02.2016 in Ortsverein

Herr Hummel bei der Ansprache Foto: saknus

Aktionsbündnis „Künzelsau für Menschlichkeit“

Samstag,13.02.2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

einige von Ihnen kennen mich als Schulleiter des Schlossgymnasiums, eines Gymnasiums, das stolz darauf ist, offiziell anerkannt zu sein als so genannte SORSMC-Schule. Als „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“. Weil wir uns als Schule aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit wenden, wurde uns dieser ehrenhafte Titel verliehen und deshalb hätte ich genug Gründe, als Schulleiter zu Ihnen sprechen. Dies darf ich jedoch nicht, in meiner Funktion muss ich neutral sein.

Deshalb betone ich ausdrücklich, dass ich hier nicht als Schulleiter des Schlossgymnasiums stehe, sondern als Privatperson, als Bürger und als Nachbar von Flüchtlingen, die bei uns in Ingelfingen untergebracht wurden.

Seit einer guten Woche sind die 34 neue Nachbarn eingezogen. Zumeist sind es Familien aus Syrien, dazu kommen Afghanen und Palästinenser. Sie wurden in unserer unmittelbaren Nachbarschaft im ehemaligen Gasthaus „Rose“ untergebracht, direkt an einer belebten Kreuzung, an der Bushaltestelle und gegenüber der Apotheke und einem Metzgergeschäft.  

Nach vielen Jahren tristem Leerstand ist die „Rose“ jetzt also belebt, mit Leben und abends mit Licht erfüllt. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich von unseren neuen Nachbarn noch gar nicht so viel mitbekommen habe. Einzelne stehen hin und wieder vor der Haustüre, manche mit kleinen Kindern auf dem Arm. Einzelne wenige habe ich im Ort gesehen und es gab auch einen echten Kontakt. Zwei kleine Kinder, die mit ihrem Vater aus dem Metzgerladen kamen, durften unter Aufsicht unseren Hund streicheln. Möglicherweise haben sie zum ersten Mal gesehen, wie ein Hund und ein Mensch an einer gemeinsamen Leine spazieren gehen. Zwei, drei Worte wurden gewechselt, die weder ich noch der Nachbar verstand und ein Lächeln.

Diese Nachbarschaft kann sich noch entwickeln.

Unsere erste nichtdeutsche Nachbarfamilie in Ingelfingen, an die ich mich erinnern kann, kam aus Vietnam. Sie kamen als Flüchtlinge, als Boat-People, am Ende der 70er Jahre infolge des Vietnamkriegs nach Deutschland. Auch sie hatten ihr Heil in der Flucht mit Booten auf das offene Meer gesucht.

Ich denke gerne zurück an eine weitere Nachbarfamilie – ein türkisches Ehepaar mit mehreren Kindern. Unsere eigenen Kinder waren mit dem jüngsten Sohn eng befreundet und wenn überhaupt etwas bemerkenswert war: der Bub aß keine Wurst, wenn er bei uns war. Mit den Eltern gestaltete sich die Verständigung wegen Sprachproblemen relativ schwierig, die Kinder unterhielten sich dagegen fließend hohenlohisch. Sie sind heute nach meiner Information alle in angesehenen Berufen und zahlen fleißig in die Rentenkasse ein.

Als Lehrer erinnere ich mich an eine Gesprächsrunde, die wir initiiert hatten, als eine große Anzahl vom Menschen aus Russland nach Deutschland kam. Auch damals bestanden Unsicherheit, Ängste und Ablehnung in großen Teilen der Bevölkerung. Folgende als Vorwurf geäußerte Aussage werde ich nicht vergessen: „Was wollen die Russen hier bei uns Deutschen?“ Ich werde die Aussage nicht vergessen, weil sie nicht von einem deutschen Schüler geäußert wurde, sondern von einem vietnamesischen Jungen, der sich sehr schnell eingelebt hatte und sich als Deutscher fühlte.

Unsere deutschen Nachbarn, die schon länger als wir im Städtle wohnen und für die wir die „Zugezogenen“ waren und die Nachbarfamilien mit nichtdeutscher Herkunft sind Anteilseigner gelebter Realität in unserer Nachbarschaft.

Nicht nur bei uns, nicht nur in Hohenlohe, sondern überall hat sich die Bevölkerung weiterentwickelt. „Die Wirklichkeit ist kompliziert geworden, Kulturen und Religionen mischen sich, deutsche Familien sehen anders aus als vor 40 oder 50 Jahren“, schreibt der „Spiegel“. Schon jetzt sind unterschiedliche Nationen Teil unserer Bevölkerung und Kultur und Teil unserer Familien mit allen Vorzügen und Nachteilen. Daran haben wir uns schon gewöhnt und aufs Ganze gesehen geht es uns sehr gut damit.

Und trotzdem - Es muss deutlich gesagt werden: Gutes Zusammenleben funktioniert nur bei guter Integration und die hat in der Vergangenheit nicht immer gut geklappt.

Wir alle sind hier, weil wir wollen, dass Integration gelingt. Wir wollen, dass die Politik Lösungen für dieses europäische Problem erarbeitet und umsetzt und wir sind bereit an einer gelingenden Integration mitzuarbeiten.

Dieses Wollen unterscheidet uns grundsätzlich von der anderen Gruppe, die heute auf dem Wertwiesenpark ist. Die streben genau das Gegenteil an. Die wollen nicht, dass Integration gelingt, sie wollen Integration verhindern. Sie schüren bestehende Ängste und Ressentiments. Sie streben keine Lösungsansätze und Lösungswegewege an, die im Sinne einer christlichen Haltung und europäischen Tradition Bestand haben. Ihr Ziel ist nicht, Flüchtlinge als Menschen anzunehmen, sondern sie wieder zu vertreiben.

Ich zitiere aus dem Offenen Brief, den Sonnhild Sawallisch am 31. Januar an Herrn Bürgermeister Bauer und Herrn Landrat Dr. Neth wegen der Flüchtlinge in der „Rose“ geschrieben hat:

Zitat: „Wie wird die Sicherheit der Schulkinder, vor allem der Mädchen, an der „Rose“ garantiert? …Aber auch der Frauen, die dort abends alleine auf den Bus warten? Wenn Verbrechen gewollt sind, so können die Mädchen mit wenigen Handgriffen in das Gebäude verschleppt werden, ohne dass auch nur einer aufmerksam wird.“

Von dieser bösartigen Unterstellung distanziere ich mich als Nachbar der Flüchtlinge in der „Rose“ mit aller Entschiedenheit. So wird eine Radikalisierung des Denkens gefördert und Misstrauen gegenüber Flüchtlingen wird geschürt. Ich lehne entschieden ab, dass meine Nachbarn pauschal unter Generalverdacht gestellt werden, weil ich mir sicher bin, dass die allermeisten in ihrem Heimatland ehrbare Bürger und anständige Nachbarn ihrer Nachbarn waren.

Freilich: Eine Garantie, dass es in unserer Nachbarschaft keine Schwierigkeiten gibt, kann niemand geben. Es macht aber keinen Unterschied, ob die Menschen aus Syrien, Russland, Vietnam oder Deutschland stammen. Menschen sind nicht perfekt, egal aus welchem Land sie kommen, welcher Nation sie angehören oder an welchen Gott sie glauben.

Meine neuen Nachbarn haben es verdient, dass sie in gegenseitigem Respekt und Offenheit angenommen werden, sie haben es verdient, dass wir uns bemühen, ein friedliches Miteinander zu entwickeln und dass wir alles dafür tun, sie erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Dieter Hummel

 
 

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